Wenn Alt-Bundesrat Ogi einen persönlich willkommen heisst

Projektwoche Visualisieren 2026 oder: Lernen ausserhalb des Schulzimmers

Noch vor der Abreise in die Projektwoche «Visualisieren» erreichte die Zeichner:innen Fachrichtung Architektur im 3. Lehrjahr (ZFA24a) am BWZ Rappi ein besonderer Gruss: Alt-Bundesrat Adolf Ogi hiess die Lernenden per E-Mail in seiner Heimat willkommen und verwies dabei auf «seine» Tanne: Gemeint war das Tännchen aus seiner berühmten Neujahrsansprache zum Jahr 2000 vor dem Nordportal des Lötschbergtunnels in Kandersteg. Die Rede ging in die Schweizer Fernsehgeschichte ein. Mittlerweile ist aus dem damaligen kleinen Tännchen ein stattlicher Baum geworden. Ohne Frage: Ein absolut passender Start in eine Woche, in der es ums genaue Hinschauen ging.

Eine Projektwoche mit Kultstatus

Wer am BWZ Rappi Zeichner:in Fachrichtung Architektur gelernt hat, kennt sie: die Projektwoche «Visualisieren». Seit 30 Jahren gehört sie zur Ausbildung und hat sich damit längst Kultstatus erarbeitet. Bereits Generationen von Lernenden waren mit Skizzenbuch, Wanderschuhen und Zeichenmaterial unterwegs. Für manche ist die Woche im Vorfeld vielleicht etwas gefürchtet, im Rückblick für viele aber legendär: früh starten, viel zu Fuss unterwegs sein, stundenlang zeichnen und am Abend weiterarbeiten, bis die Aufgaben erledigt sind. Genau das macht sie zu einem besonderen Stück Zeichner:in-Tradition.

Lernen dort, wo Architektur stattfindet

Kandersteg war während der diesjährigen Projektwoche der ZFA24a vom 29. Juni bis 4. Juli 2026 Ausgangspunkt für sechs intensive Tage. Die Klasse war unter anderem auf der Griesalp, im Kiental, am Blausee, auf dem Niesen, in Spiez und im Gasterntal unterwegs. Architektur wurde dabei nicht anhand fertiger Bilder analysiert. Die Lernenden standen direkt vor den Gebäuden, untersuchten Konstruktionen und Materialien und hielten ihre Beobachtungen zeichnerisch fest. Fachlehrer Zeichnen und Organisator der Woche, Simon Rakeseder, bringt den Ansatz auf den Punkt: «Hier wird Handlungskompetenzorientierung sichtbar. Die Lernenden müssen beobachten, entscheiden, umsetzen und ihre Arbeit an die reale Situation anpassen.»

Mehr als Zeichnen

Die Projektwoche verlangt von den Lernenden jeweils weit mehr als fachliches Können. Es gilt, Arbeitsplätze organisieren, Zeit einteilen, sich orientieren, gemeinsam leben und auch bei Hitze oder Müdigkeit konzentriert weiterarbeiten gehörten ebenso dazu. «Für mich ist ein Highlight der Projektwoche, dass hier vieles zusammenkommt: Fachkompetenz, Selbstorganisation, Kommunikation, Durchhaltevermögen und Zusammenarbeit», so Simon Rakeseder.

Schuhe im Test

Am zweiten Tag führte die Route von Reichenbach über die Griesalp und die Griesschlucht ins Kiental. Dabei wurden auch die Wanderschuhe einem Praxistest unterzogen. Einer Lernenden hatte Simon Rakeseder empfohlen, sich im Fachhandel für gutes Schuhwerk beraten zu lassen. Umso grösser war die Überraschung, als die Schuhe den Belastungen nicht standhielten. Die Erklärung folgte schnell: «Unter ‹Fachhandel› hat sie ‹ChatGPT› verstanden – kein Wunder, sind die Schuhe wenig tauglich», erzählt Rakeseder lachend.

Die kulinarische Prüfung

Nach den langen Arbeitstagen war noch nicht Schluss. Gemeinsames Wohnen bedeutete auch einkaufen, kochen, abwaschen und Verantwortung übernehmen. So wartete neben dem Zeichnen noch eine weitere Disziplin: die kulinarische Prüfung. Nicht jedes Resultat hätte wohl einen Michelin-Stern erhalten, aber nach mehreren Stunden Wandern und Zeichnen war die Klasse bei der Bewertung meist grosszügig. Immerhin galt es oft, bis spät in die Nacht die Skizzenbücher fertigzustellen.

Vom Skizzenbuch in die Aula

Mit der Rückreise war das Projekt noch nicht beendet. Zurück aus dem Berner Oberland wurden die Arbeiten für die Vernissage «Kandertal» über die Sommerferien aufbereitet. Mitte August zeigte sich der grosse Erfolg: Die Aula war bis auf den6 letzten Platz besetzt, teilweise standen Besucherinnen und Besucher sogar in den Gängen. Eltern, Freunde und weitere Interessierte erhielten Einblick in die Arbeiten und Erlebnisse der Klasse. Nach Präsentation und Rundgang folgte der wohlverdiente Apéro.

Was bleibt?

Es bleiben Zeichnungen, Fotos und Erinnerungen, aber auch Erfahrungen, die sich im gewöhnlichen schulischen Kontext so nicht umsetzen lassen: selbstständig entscheiden, als Klasse funktionieren, Schwierigkeiten bewältigen und eine Aufgabe auch unter ungewohnten Bedingungen zu Ende bringen. Simon Rakeseder fasst es so zusammen: «Am Ende geht es nicht darum, dass jede Linie perfekt ist. Entscheidend ist, eine reale Situation selbstständig zu erfassen und daraus eine professionelle Lösung zu entwickeln. Genau dafür bilden wir aus.»

Quicklinks

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